Pierre Lemaitre

Drei Tage und ein Leben.

*Rezensionsexemplar.

Drei Tage und ein Leben ist ein im Spätsommer 2017 veröffentlichter Roman von dem französischen Schriftsteller Pierre Lemaitre. Inhaltlich geht es um den zwölfjährigen Antoine, welcher in einer kleinen Provinz in Frankreich aufwächst, in welcher jeder jeden kennt. Kurz vor Weihnachten 1999 stirbt ein sechsjähriger Junge aus der Nachbarschaft. Antoine ist daran nicht ganz unschuldig und sein Leben ist fortan gezeichnet.

Antoine lebt bei seiner allein erziehenden Mutter und hat zu seinem in Deutschland lebenden Vater kaum Kontakt. Lediglich Geschenke lässt dieser ihm per Post zukommen. Aber auch die sind wenig liebevoll und durchdacht. Antoine ist gern mit seinen Freunden draußen. Als einer der Jungen aber eine PlayStation geschenkt bekommt, ändert sich das schlagartig. Alle sind nur noch mit der Spielekonsole beschäftigt. Alle bis auf Antoine. Dieser macht sich frustriert allein daran, eine Waldhütte zu bauen. Einige Tage später, nachdem sein geliebter Nachbarshund stirbt, zerstört Antoine aus Wut und Trauer seine Hütte. Als der kleine Rémi hinzukommt, geht alles ganz schnell. Und plötzlich ist er tot.

Der Inhalt hat mich sofort überzeugen und mitreissen können. Lemaitre gelingt eine sehr authentische Zeichnung seiner Protagonisten und deren Handlungen. Auf psychologisch ausgeklügelte Weise und mit viel Verständnis für die ausweglose Lage seines Hauptcharakters, schafft er es, seine Leser für die Geschichte zu gewinnen. Die stille, beklemmende Atmosphäre zeigt, wie qualvoll es einem Menschen ergehen muss, dem sein Leben zu entgleiten droht. Diese innere Zerrissenheit macht Lemaitre sehr deutlich.

Ich habe mich das ganze Buch hinweg gefragt, wie ich handeln würde. Könnte ich mit der Schuld leben, den Tod eines Menschen verursacht zu haben? Und vor allem: kann ich damit leben, wenn nur ich davon weiß? Ich habe für mich die Antwort gefunden, dass ich eher gestehen würde, weil ich mir ein Leben auf der Flucht nicht vorstellen kann. Die nagenden Ängste würden mich in den Wahnsinn treiben und das Gefühl von Schuld würde übermässig wachsen. Andernfalls muss man sich darüber im Klaren sein, dass Antoine während der Tat zwölf Jahre alt war.

„Innerhalb weniger Minuten hat sein Leben die Richtung geändert. Er ist ein Mörder. Doch die beiden Bilder passen nicht zusammen, man kann nicht zwölf Jahre alt und ein Mörder sein.“

Lemaitre beweist in dieser Tragödie großes Gefühl und viel Sinn für Menschlichkeit. Er verurteilt nicht, er bewertet nicht, er bleibt stets seinem Stil treu. Besonders die quälende Einsamkeit Antoines geht ans Herz. Trotz seiner Verantwortung ist er mir sofort sympathisch gewesen und ich litt die gesamte Geschichte hindurch mit. Die Frage der Schuld und die Hoffnung auf Vergebung sind allgegenwärtig. Ein Kind wird zum Täter und ist gleichsam Opfer seiner Schuldgefühle und der nicht enden wollenden Verzweiflung.

Mehrere Mal glaubt Antoine, es wäre überstanden, muss aber feststellen, dass er bis ins Erwachsenenalter immer wieder von dem einschneidenden Ereignis aus Kindheitstagen eingeholt wird. Sehr tragisch ist auch, dass Antoine bis auf seine Mutter, die allerdings häufig mit sich selbst beschäftigt ist, wenig Anerkennung erfährt. Er hat keine echten Freundschaften und auch sonst keine Unterstützung. So bleibt es ihm verwehrt, sich jemandem anvertrauen zu können. Also schweigt Antoine.

Das Geschehene hinterlässt bis ins Erwachsenenalter Spuren. Antoine findet keinen Halt und stürzt sich in Affären. Pierre Lemaitre zeigt sich erneut als guter Beobachter für seine Charaktere. Bis auf Antoine wollte mir keiner der Mitwirkenden so recht gefallen. Beauval bleibt mir als trister, düsterer Ort in Erinnerung, seine Bewohner sind eine Ansammlung von unfreundlichen und selbstbezogenen Menschen, denen es gänzlich an Einfühlungsvermögen fehlt.

Mit Drei Tage und ein Leben hat Pierre Lemaitre einen beklemmenden Thriller geschaffen, der unter die Haut geht und der einmal mehr die Frage der Schuld in den Vordergrund rückt.

Pierre Lemaitre wurde 1951 in Paris, Frankreich geboren. Er ist Schriftsteller und Drehbuchautor. 2013 wurde er mit dem größten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt ausgezeichnet.

★ ★ ★ ★ ★


Pierre Lemaitre: Drei Tage und ein Leben. Roman. Trois jours et une vie. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Klett-Cotta, Stuttgart 2017. 270 Seiten. 20€.

2 Kommentare zu „Drei Tage und ein Leben.

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