Emily Ruskovich

Idaho.

*Rezensionsexemplar.

Idaho ist ein Thriller von Emily Ruskovich, erschienen im Februar 2018 im Hanser Verlag. Die Geschichte thematisiert ein unfassbares Familiendrama im idyllischen Idaho (USA). Die Erzählung spielt sich innerhalb von über fünfzig Jahren ab (1973 bis 2024).

Jenny und Wade sind seit elf Jahren ein Paar, als sie beschließen ins gebirgige Idaho zu ziehen. Sie genießen die bewaldete, unberührte Natur und die absolute Stille. Nachdem sie einen langen Kinderwunsch hegten, kommt ihre erste Tochter June zur Welt und wenige Jahre später ihr Nesthäkchen May. An einem warmen Frühlingstag des Jahres 1995 passiert das Unfassbare. Jenny hat plötzlich ein Beil in der Hand und nichts ist mehr, wie es war.

Die Hütte, in welcher Wade zuerst mit Jenny und später mit Ann lebt, liegt acht Meilen entfernt den Berg hinab vom nächsten Ort. Die Landschaft ist wunderschön anzusehen, verspricht Ruhe und Entspannung, aber auch radikale Einsamkeit. Im tiefsten Winter, inmitten von Schnee wird es für Wade immer schwerer, seine hochschwangere Frau Jenny ins Krankenhaus zu bringen. Der Schneepflug funktioniert nicht und weit und breit gibt es keine Zivilisation, keine anderen Menschen, keine Nachbarn. Wade aber besorgt zu Fuß Lebensmittel im weit entfernten Supermarkt und es gelingt ihm, einen Landeplatz für Hubschrauber zu schaffen.

In der Forest Service Road Nummer 7846 in Ponderosa, Idaho, ihrem Zuhause, gibt es lediglich ein Funktelefon. Als Leser ist es schwer, sich diesen Lebensbedingungen in der heutigen Zeit anzunehmen. Der Schauplatz bietet die perfekte Kulisse für einen Horror-Streifen und so wird aus der Idylle vorübergehend ein Tatort. Das Geschehene lässt Wade über Jahre nicht los, auch wenn er, durch eine vererbte Frühdemenz immer mehr vergisst. Seine Freundin Ann hilft ihm während seiner Krankheit, wo sie kann und ist entschlossen, dem Unglück aus dem Jahr 1995 auf die Spur zu kommen.

„Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt. Man kann es singen, so sanft man will, die Worte fletschen trotzdem die Zähne. Gott will nicht immer.“

Obwohl die Zeitspanne mehr als fünfzig Jahre umfasst, wird das Lesevergnügen nicht geschmälert. Emily Ruskovich schreibt so einfühlend und emphatisch, dass ihr ganz eigener Stil trotz wechselnder Perspektiven immer erkennbar bleibt. Die vielen Nebenschauplätze intensivieren den fortwährenden Spannungsbogen und lassen den Leser weitere Charaktere und deren Schicksale kennen lernen. Die Autorin vereint große Liebe und tiefe Schuld mit der unfassbaren Schönheit der Natur, welche sie sprachlich so authentisch schildert, dass man sich direkt an den Ort des Geschehens versetzt fühlt.

Anders, als ich zuvor vermutete, geht es nicht um eine Straftat, den Prozess und dem Umgang der Angehörigen damit. Die Tat bildet viel mehr den Rahmen für die vielen miteinander verknüpften Beziehungen. Eine genaue psychologische Aufarbeitung des Geschehenen bleibt jedoch aus. Das mag nicht jedem gefallen, ich allerdings mochte die Art, wie Ruskovich die Geschichte schreibt sehr gerne. Oft mutet das Erzählte sehr poetisch an, was nicht zuletzt an der malerischen Umgebung liegt, welche die Autorin sehr detailliert beschreibt.

Ein wunderschön geschriebener Thriller, der trotz einer grausamen Tat versöhnlich scheint. Der emotionale Sprachstil, welcher frei von Schnörkeleien ist, harmoniert mit seinen traumatisierten und schicksalsgeplagten Figuren. Eines muss man sich nach Idaho jedoch bewusst machen: es bleiben viele Fragen offen.

Emily Ruskovich wuchs in Idaho, USA auf. Seit Herbst 2017 lehrt sie an der Boise State University. Idaho ist ihr erster Roman.

★ ★ ★ ★ ★


Emily Ruskovich: Idaho. Roman. Aus dem Amerikanischen von Stefanie Jacobs. Hanser Berlin, Berlin 2018. 384 Seiten. 24€.

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