Delphine de Vigan

Tage ohne Hunger.

*Rezensionsexemplar.

Tage ohne Hunger ist ein über Magersucht handelnder Roman der französischen Schriftstellerin Delphine de Vigan welcher das erste Mal 2001 – unter ihrem Pseudonym Lou Delvig – erschien. 2018 veröffentlichte der Dumont Verlag den Titel nun auf deutsch. Laure ist neunzehn Jahre alt, als sie sich ins Krankenhaus einweisen lässt um wegen ihrer Magersucht behandelt zu werden. Sie wiegt bei einer Körpergröße von einem Meter fünfundsiebzig nur noch sechsunddreißig Kilogramm.

Laure entscheidet sich, als sie dem Tod näher scheint als dem Leben, in eine Klinik zu gehen. Dort trifft sie auf Gleichgesinnte und wird tagtäglich mit ihrer Krankheit konfrontiert. In der ernährungsmedizinischen Abteilung dreht sich alles immerzu ums Essen. Laure wird über eine Sonde ernährt um zuzunehmen. Die junge Frau versucht ihre Krankheit differenziert zu betrachten, zu ergründen, wie es mit ihr so weit kommen konnte.

Ähnlich wie in Vigans anderen Romanen weist auch Tage ohne Hunger autobiografische Züge auf. Laure hat eine Schwester, Louise. Die Mutter der Beiden ist psychisch krank und wird, als die Schwestern noch klein sind, in eine geschlossene Abteilung eingewiesen. Der Vater ist ein ausgesprochener Choleriker und hat für Laure wenig nette Worte übrig. Er sieht in ihr Unheil bringendes. Das schwierige Verhältnis zu ihren Eltern wird das ganze Buch hinweg immer wieder thematisierst und scheint einer der Gründe für Laures Magersucht zu sein.

„Sie sieht aus wie eine auseinander gebogene Büroklammer, wie ein Drahtbügel aus der Reinigung, wie eine Fernsehantenne nach einem Unwetter.“

Delphine de Vigan berichtet authentisch, klar und schonungslos von der Krankheit ihrer Protagonistin. Ihre detaillierten und treffenden Beschreibungen lassen vermuten, dass sie aus Erfahrung spricht. Als gesunder, als von Magersucht nicht betroffener Mensch, kommt man dieser äußerst nah. Obwohl die Thematik eine sensible, traurige ist, gelingt es de Vigan ihren Leser ans Buch zu fesseln. Man möchte nicht aufhören, man möchte wissen, was mit Laure geschieht. Beachtlich ist zudem, dass sie es schafft, auf weniger als zweihundert Seiten wachzurütteln und auf die Krankheit aufmerksam zu machen.

Laure ist mir durch die Geschichte hinweg sympathisch geblieben. Ich habe bis zum Ende mitgelitten, mitgefühlt, mitgedacht. Tage ohne Hunger hat eine, wie ich finde, angemessene Länge, denn obwohl das Buch großartig geschrieben ist, macht das ausgewählte Thema betroffen. Die Familiengeschichte hat mich am Meisten erschüttert. Die Eltern haben es Laure sehr schwer gemacht, ein selbstbewusster Erwachsener zu werden. Erst als Laure unerträglich kalt wird, sie mehrere Schichten Kleidung tragen muss, um diese Kälte zu ertragen, begreift sie, dass sie Hilfe braucht und spürt ihren Lebenswillen.

Auf kluge, intensive und eindringliche Art und Weise schildert Delphine de Vigan den Leidensweg von Laure und die Entwicklung ihrer Essstörung. Ihr neuer Roman ist sprachlich auf hohem Niveau und fachlich überzeugend.

Delphine de Vigan wurde 1966 in Paris, Frankreich geboren. Im Jahr 2007 hatte sie ihren schriftstellerischen Durchbruch mit No & ich. Das Buch brachte ihr mehrere Auszeichnungen. Gemeinsam mit ihren Kindern lebt die Autorin in Paris.

★ ★ ★ ★ ★


Delphine de Vigan: Tage ohne Hunger. Roman. Jour sans faim. Aus dem Französischen von Doris Heinemann. Dumont Buchverlag, Köln 2018. 176 Seiten. 11€.

2 Kommentare zu „Tage ohne Hunger.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.