Monica Sabolo

Summer.

Summer ist ein Familienthriller von Monica Sabolo, welcher 2018 im Insel-Verlag (Suhrkamp) erschienen ist. Die Geschichte spielt in den Achtzigerjahren am Genfersee in der Schweiz. Beim Picknick mit ihrem Bruder und ihren Freunden verschwindet die neunzehnjährige Summer spurlos.

Benjamin liebt seine große Schwester Summer abgöttisch und sieht in ihr das vielversprechende Leben, welches er sich wünscht. Nachdem Summer verschwindet, bricht für Benjamin eine Welt zusammen. Er hat große Probleme das Geschehene zu begreifen. Während er schüchtern und zurückhaltend ist, war Summer immer offen, direkt und lebenslustig. Irgendwann gelingt es ihm, so lässt der Kontext vermuten, ins Leben zu finden. Nach vierundzwanzig Jahren aber muss sich Benjamin das erste Mal wirklich dem großen Verlust und der quälenden Ungewissheit stellen.

Das Buch hat mich ganz unverhofft erreicht. Darüber bin ich sehr froh, denn der Roman hat mich wirklich berührt. Sabolo bedient sich einer bildhaften Sprache und tiefenpsychologischer Elemente. Melancholisch und still, schwermütig und traurig – die Atmosphäre löst Unbehagen aus, aber berührt auch sehr. Der Titel des Buches in Kombination mit dem Covermotiv impliziert laue Sommerabende und warme Nächte am Strand. Der Leser wird diesbezüglich eines Besseren belehrt. Summer, eine junge, lebenslustige Frau, die vollkommen lautlos von der Bildfläche verschwindet.

„…hat Summer nie erwähnt. Er nimmt ihren Namen nicht in den Mund. Wie die meisten Leute, die mir in den vergangenen vierundzwanzig Jahren begegnet sind. Sie spielen mal besser, mal schlechter mit mir zusammen das große Theater der Unschuld.“

Die perfekte Familie, das sind die Wassners nach außen hin. Dieses Bild vermitteln sie auf eindrucksvolle Art und Weise. Nach dem Verschwinden der Tochter und Schwester aber, beginnt die Fassade mehr und mehr zu bröckeln und der trügende Schein schwindet. Unter der Oberfläche macht sich Resignation breit. Benjamin leidet fast still unter dem spurlosen Verschwinden seiner Schwester, während seine Eltern irgendwann zu akzeptieren scheinen, was geschah.

Viele Jahre später wird Benjamin bewusst, dass das Verschwinden seiner Schwester Summer noch immer Fragen aufwirft, denen er sich stellen muss. Von einem Tag auf den anderen kann er sein Büro nicht mehr betreten. Er zieht sich mehr und mehr aus der Gegenwart zurück und lässt die Vergangenheit zu. An diesen Stellen werden dem Leser tiefe Einblicke gewährt. Sabolo gelingt es, die Balance zwischen Sinnestaumel und Grausamkeit zu halten. Ihre Figuren bleiben die gesamte Handlung hinweg distanziert und dennoch geht einem die Geschichte unter die Haut. Die düstere, tragische Grundstimmung ist das Beeindruckendste an Summer.

Der Autorin ist es gelungen, einen spannenden Thriller zu erschaffen, dessen Tragödie sich lange unter der Oberfläche abspielt.

Monica Sabolo wurde 1971 in Mailand, Italien geboren. Aufgewachsen ist sie im schweizerischen Genf. Dort studierte sie und engagierte sich anschließend im Tierschutz.  Seit 1995 arbeitet sie als Journalistin. Ihr erstes Buch erschien im Jahr 2000 unter dem Titel Le Roman de Lili.

★ ★ ★ ★ ★


Monica Sabolo: Summer. Roman. Aus dem Französischen von Christian Kolb. Insel Verlag, Berlin 2018. 253 Seiten. 22€.

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