Dorothy Baker

Zwei Schwestern.

Zwei Schwestern ist ein Roman von Dorothy Baker aus dem Jahr 1962. Die Neuauflage von 2017 erschien im Hause dtv. Die Geschichte spielt in den Fünfziger Jahren in Kalifornien und thematisiert die dramatische Beziehung der Zwillingsschwestern Cassandra und Judith.

Cassandra, genannt Cassie, ist vierundzwanzig Jahre alt und studiert im kalifornischen Berkeley, einige Autostunden von der elterlichen Ranch entfernt. Wegen der bevorstehenden Hochzeit ihrer Zwillingsschwester Judith mit einem Medizinstudenten aus New York, kommt die Familie wieder zusammen und Cassie sieht Judith wieder. Das Verhältnis der Beiden ist geprägt von Ambivalenz.

Die Hochzeit von Judith bedeutet für Cassie, dass das Band beider endgültig durchtrennt wird. Sie klammert sich krankhaft an den Gedanken, sie und Judith würden einander gehören, sodass sie sich vor dem Besuch zu Hause fürchtet. Die Studentin hegt Suizidgedanken, aus Angst, den Verlust ihrer Schwester nicht verkraften zu können. Cassie hat Judith nie verziehen, dass diese vor Monaten aus der gemeinsamen Wohnung auszog und nach New York ging. Verlassen und verraten hat sie sich deshalb immer mehr zurück gezogen.

Die Schwestern ähneln sich optisch sehr. Häufig werden sie aufgrund dieser Ähnlichkeit verwechselt, was in Kindertagen dazu führte, dass beide großen Wert darauf legten, nicht die gleiche Kleidung zu tragen oder sich ähnlich zu frisieren. Charakterlich gleichen sie sich jedoch kaum. Cassie ist elf Minuten älter als Judith und neigt, im Gegensatz zu dieser, zum Drama. Sie ist trotzig, verletzlich, dominant und wird nicht müde, ihrer Schwester vorzuhalten, dass diese sie verlassen habe. Judith hingegen ist die stillere der Beiden. Sie wirkt selbstbewusst und geht ihren Weg, während Cassie ihren nie gefunden zu haben scheint.

Cassie scheint in Kindheitserinnerungen festzustecken. Immer wieder erinnert sie Judith, während ihres Besuches in deren Elternhaus an längst Vergangenes, wie das Auffinden ihres toten Katers als sie Kinder waren, dass einander in die Arme fallen, um gemeinsam zu trauern. In diesem Moment habe sie das erste Mal gespürt, was es heißt, sich vollständig zu fühlen. Cassie setzt Judith im Verlauf der Geschichte immer mehr unter Druck, sodass diese in einen inneren Zwiespalt gerät.

Wir sind beide integrale Bestandteile eines Ganzen. Wir bilden ein Gefüge, eine Gesamtheit, eine Einheit – erst zusammen sind wir vollständig.

Die Mutter der Schwestern ist vor einigen Jahren gestorben. Der Vater, belesener Philosophieprofessor und der beste Freund des Cognac, lebt gemeinsam mit seiner Schwiegermutter, der Oma von Cassie und Judith, genannt Gran, auf der familiären Ranch. Die Großmutter widmet sich voller Begeisterung und Vorfreude den Hochzeitsvorbereitungen ihrer Enkelin. Cassie versucht mit allen Mitteln, die Hochzeit zu sabotieren und lässt das ihre Gran auch spüren. Die hingegen geht gedanklich immer wieder die (nicht vorhandene) Gästeliste durch.

Dorothy Baker schreibt faszinierend klug und schafft es mit raffinierten Formulierungen der Geschichte eine unterschwellig anhaltende Dramatik zu verleihen. Die Liebe, der Wahn, indem sich Cassie befindet wird ebenso deutlich wie die Zuneigung und Furcht von Judith gegenüber ihrer Schwester. In den Kapiteln Cassandra spricht und Judith spricht werden die Sichtweisen beider Schwestern deutlich. im Letzteren erfährt der Leser, wie zerrissen Judith ist. Sie möchte ihr Leben nach ihren Vorstellungen führen, ihren Verlobten heiraten und gleichsam Cassie nicht verlieren. Insgeheim aber macht ihr ihre Schwester mit ihrem ambivalenten Verhalten zunehmens Angst.

Es ist es beeindruckend, wie es Baker gelingt, den dramatisch anmutenden Handlungsverlauf gegen Ende in seichte Gewässer münden zu lassen. Das Geschehen spielt sich innerhalb von drei Tagen fast ausschließlich auf der Ranch der Familie ab, sodass der Roman äußert intensiv und lebendig erzählt wird. Es ist fast eine Schande, dass Zwei Schwestern zu Lebzeiten der Autorin kaum Beachtung geschenkt bekam, während es mittlerweile wegen seiner kunstvollen und klugen Sprache hoch geschätzt wird.

Der Charakter der Cassandra erinnert immer wieder an Esther Greenwood aus dem erfolgreichen Roman Die Glasglocke von Sylvia Plath. Kurioserweise erschien Plaths Buch aber erst ein Jahr nach Dorothy Bakers Zwei Schwestern. Ich finde es umso schöner, dass diesem beachtlichen, schon fast vergessenen Werk, nun seine gerechte Aufmerksamkeit zu Teil wird.

Ein dramatisches, schockierendes Buch über eine junge Frau, welche gefangen im Gedankenkreisel zwischen Erwachsenwerden und sich dagegen wehren feststeckt und sich von ihrer Schwester auf eine krankhafte Weise abhängig macht.

Dorothy Baker wurde 1907 in Montana, USA geboren. Sie studierte in Los Angeles Französische Sprache und war mit dem Dichter Howard Baker verheiratet. Baker veröffentlichte mehrere Romane und Kurzgeschichten. Endlich werden ihre Werke nun auch in Europa gewürdigt. Baker starb 1968.

★ ★ ★ ★ ★


Dorothy Baker: Zwei Schwestern. Roman. Cassandra At The Wedding. Aus dem Amerikanischen von Kathrin Razum. dtv Verlag, München 2017. 280 Seiten. 10.90€.

2 Kommentare zu „Zwei Schwestern.

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