Grégoire Delacourt

Das Leuchten in mir.

*Rezensionsexemplar.

Der Roman Das Leuchten in mir von Grégoire Delacourt ist im Herbst 2018 im Verlag Atlantik aus dem Hause Hoffmann und Campe erschienen. Die Geschichte erzählt von der vierzigjährigen Emma, der trotz glücklichem Familienleben etwas Entscheidenes fehlt. Als sie Alexandre begegnet, ist es um sie geschehen.

Emma ist seit achtzehn Jahren mit Olivier verheiratet. Beide haben mit Louis, Léa und Manon drei gut erzogene Kinder. Dass Emma dennoch eine tiefe Leere in sich spürt, wird ihr so richtig bewusst, als sie in einer Brasserie Alexandre begegnet, von dem sie sofort überwältigt ist.

Delacourt gelingt mit Das Leuchten in mir ein psychologisch tiefsinniger Roman, in dem sich unterschwellig immer wieder die Frage aufdrängt, ob es sich lohnt, sein ganzes Leben für etwas zu geben, von dem man nicht weiß, ob man es je bekommt. Als Leserin fragte ich mich außerdem immer wieder, ob eine liebende Mutter ihre Kinder verlassen könnte, nur weil ein Unbekannter ihre Leere zu füllen scheint. Es fiel mir sehr schwer, mich mit Emma zu identifizieren, weil ich ihre Handlungen nur bedingt nachvollziehen konnte.

Als Frau kann man sich vorstellen, was es bedeutet, einen Mann zu treffen, der einen verzaubert, längst nicht mehr empfundene Leidenschaft entfacht und ein Kribbeln im Bauch auslöst, das einer Armee von Schmetterlingen gleicht. Ungewöhnlich ist es, diese, in dem Fall, primär weiblichen Empfindungen aus männlicher Sicht zu lesen. Der Autor schafft es mit seinen Beschreibungen jedoch durchaus zu berühren und besitzt ein großes Gefühl für Sinnlichkeit. Die Erzählung ist sehr leidenschaftlich und emotional, sodass der Rausch, indem sich Emma befindet deutlich wird.

„Mir war es lieber, wenn ich dich erahnen, dich erfinden konnte. Ich schreibe dich. Ich schreibe nicht dir, nicht an dich, nein, ich sollte viel mehr sagen, ich schreibe dich. Ich übermale dein Gesicht mit meinen Träumereien, gebe meine Lügen dazu, alles, was mich trösten kann. Auf der Suche nach deinen Augen tauche ich meine Hände in Farbtöpfe.“

Die zarten Formulierungen Delacourts lassen häufig vergessen, dass es sich beim Erzähler um einen Mann handelt. Das weibliche Begehren, die intensive Lust und das gefährliche Spiel mit dem Feuer unterstreichen dies. Ziemlich zu Beginn wird der Leser das erste Mal mit einem heftigen Ereignis konfrontiert, das, wenn überhaupt viel später zu erwarten war. Prompt scheint es vorbei mit der großen, blinden Leidenschaft.

Anschließend wird die Frage nach der Bedeutung von Familie und was Kinder in der Lage sind zu verzeihen beantwortet. Was Liebe aushalten und wie weit der Partner gehen kann, müssen Emma und Olivier herausfinden. Die menschliche Zerbrechlichkeit schildert Delacourt sehr eindrucksvoll, nicht unerwähnt lassen darf man seine Gabe, sich in Frauen hineinzuversetzen. Seine intensive Sprache und die bildhaften Darstellungen tragen zur Authentizität bei.

Das Leuchten in mir besticht durch seine sinnliche, poetische Erzählweise, den Rausch der Erotik, und die drängenden Fragen danach, was eine Familie, eine Partnerschaft im Stande sind, auszuhalten. Das kunstvolle Cover ist zudem eines der Schönsten, die ich bisher sehen durfte.

Grégoire Delacourt wurde 1960 im französischen Valenciennes geboren. Er studierte Rechtswissenschaften und war in der Werbebranche tätig. Schon als junger Mann veröffentlichte Delacourt poetische Texte in Le Monde. Sein Roman Alle meine Wünsche wurde in fünfunddreißig Ländern veröffentlicht und ist ein Bestseller. Er lebt mit seiner Familie in Paris.

★ ★ ★ ★ ★


Grégoire Delacourt: Das Leuchten in mir. Roman. Danser au bord de l’abîme. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2018. 272 Seiten. 20€.

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