Philippe Djian

Marlène.

*Rezensionsexemplar. 

Marlène ist ein Roman vom französischen Schriftsteller Philippe Djian aus dem Jahr 2017. Der Diogenes-Verlag veröffentlichte die deutschsprachige Erstausgabe im Herbst 2018. Djian erzählt die Geschichte von Marlène.

Marlène ist die Schwester von Nath, zu der sie nie ein enges Verhältnis hatte. Die Beziehung beider ist von großer Distanziertheit und Missgunst geprägt. Nachdem sie jahrelang keinen Kontakt zueinander hatten, kündigt sich Marlène bei der Familie ihrer Schwester an, weil sie schwanger vom Vater ihres ungeborenen Kindes vor die Tür gesetzt worden sei und nun Asyl suche. Nath ist alles andere als begeistert von dem Besuch ihrer Schwester, willigt jedoch ein.

Nath ist mit Richard verheiratet, der in Kürze aus dem Gefängnis entlassen wird. Seit dem Armeedienst ist er traumarisiert und geht keiner Schlägerei aus dem Weg. Das hat zur Folge, dass er nun eine dreimonatige Haftstrafe absitzen muss. Die Ehe von Nath und Richard ist durch die Umstände nicht glücklich. Beide haben eine volljährige Tochter, Mona, die insbesondere zu ihrer Mutter kein gutes Verhältnis hat. Richard und Mona scheinen gar keine Vater-Tochter-Bindung zu haben. Aufgrund der Schwierigkeiten lebt Mona für kurze Zeit bei Dan, einem engen Freund der Familie und gleichsam bestem Kumpel ihres Vaters.

Marlène zieht das Unheil an, so heißt es im Klappentext. Vor allem deshalb habe ich mir unter der Geschichte etwas völlig anderes vorgestellt. Einen rücksichtslosen, intriganten Menschen, der aus purem Eigennutz handelt. Diesbezüglich wurde ich überrascht. Marlène wirkt unsicher, verzweifelt und scheint auf der Suche nach ihrem Platz im Leben. Mit ihren vierzig Jahren scheint sie fast kindlich-naiv und weltfremd. Ohne Frage verkompliziert sie das Leben ihrer Mitmenschen. Weil es Djian aber auf sehr geschickte Weise gelingt, offen zu lassen, ob es sich bei dieser Beschreibung wirklich um Marlènes Persönlichkeit handelt oder sie viel mehr so von den anderen gesehen wird, löst ihre Figur eine große Faszination auf den Leser aus.

Marlène scheint unreif, leichtgläubig und unbefangen zu sein; zweifelsohne polarisiert sie und möglicherweise zieht sie das Unheil an, ohne dies in vollem Bewusstsein zu tun. Marlène ist nicht die klassische Sympathieträgerin, fasziniert jedoch mit ihrer, auf den ersten Blick, zurückhaltenden Erscheinung, ihrem fordernden, kindlichen Verhalten und ihrer Tollpatschigkeit. Weil nie ganz klar wird, ob sie ist, wer sie scheint, bleibt immer Raum für Spekulation. Marlène selbst handelt kaum. Sie bewegt sich im Hintergrund und es wird viel mehr über sie gesprochen.

„Und komisch war, Marlène so gleichgültig gegenüber den Männern zu sehen, die sie umgaben, als machte sie sich nichts aus dem Spiel der Verführung, als habe sie keinen Appetit.“

Die Liebe zu seinen Figuren wird in Marlène deutlich. Djian zeichnet die Charaktere lebendig, gesellschaftsnah und authentisch. Der eher raue Schreibstil harmoniert mit der erzählten Geschichte und doch schlägt der Autor immer wieder auch ruhige Töne an, was seinen Protagonisten entgegen kommt. Keine der handelnden Personen schleicht sich einem ins Herz und doch sind alle unverzichtbar. Der Erzählstil scheint charakteristisch für Philippe Djian. Die bisherigen Literaturkritiken seiner Bücher lassen mich dies annehmen.

In Marlène schafft Djian eine düstere Atmosphäre, gepaart mit unglücklichen Menschen, die alle miteinander verbunden sind, aufgrund ihrer eigenen Probleme aber keinen rechten Zugang zueinander finden. Durch Affären, Drogen und kriminelle Machenschaften verdeutlichen sie ihre ihre innere Zerrissenheit und begeben sich Halt suchend an den Abgrund. Das heftige Ende kommt unerwartet und doch ahnt man, dass etwas passieren wird. Einmal mehr stellt sich einem die Frage, ob Marlène als Sündenbock dient.

Ein äußerst kunstfertig und taktisch kluger Roman, der seine Leser im Dunkeln tappen lässt und gerade daraus seine Reize zieht.

Philippe Djian wurde 1949 in Paris, Frankreich geboren. Er lebte in Frankreich, den USA, Italien, Spanien und der Schweiz. Sein dritter Roman Betty Blue machte ihn weltweit bekannt. Sein Werk Oh erhielt den Prix Interallié und wurde mit Isabelle Huppert verfilmt. Djian hat vier Kinder.

★ ★ ★ ★ ★


Philippe Djian: Marlène. Roman. Aus dem Französischen von Norma Cassau. Diogenes Verlag, Zürich 2018. 288 Seiten. 22€.

2 Kommentare zu „Marlène.

  1. Hallo meine Liebe,

    Danke für deinen Post bei mir. Ich war auch stolz mal wieder eine Buchvorstellung zu posten! 🙂 Im Moment lese ich das erste Buch einer Triologie, mal sehen wann ich sie alle gelesen habe. Ich glaube das wird dauern. 😀

    Deine Rezensionen sind wirklich immer sehr gut geschrieben. Ehrlich, interessant, aber auch so geschrieben, dass nicht zu viel verraten wird. Auch Bücher die ich eigentlich nicht lese / lesen würde hören sich für mich trotzdem interessant an, wie auch Marlène.

    Liebe Grüßchen
    Lisa Marie

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s